Über uns

Immer wieder werden wir gefragt: "Was sind eigentlich Jungenspiele?" Eine Frage, die zugegebenermaßen nicht leicht zu beantworten ist. Dennoch: Mit einem bloßen "um das richtig zu verstehen, muss man schon in Würselen geboren sein", wollen wir uns nicht zufrieden geben. Hier also der Versuch, das Brauchtum der Jungenspiele zu erklären.

1. Jungenspiele als Maibrauchtum
2. Maibrauchtum im Rheinland
3. Die Mainacht und das Ausrufen
4. Die Wahl der Königin und das Stellen des Maibaums
5. Maikirmes am zweiten Wochenende im Mai
6. Großkirmes am dritten Wochenende nach Pfingsten
7. Der Kirmessonntag - zentraler Tag der Jungenspiele
8. Kirmesmontag und Kirmesdienstag
9. Begraben
10. Das Jungenspiel und seine Abteilungen als Festumzug

Jungenspiele als Maibrauchtum

Grundsätzlich sind Jungenspiele eine Form des Maibrauchtums, wie es im Mittelalter im gesamten deutschsprachigen Raum, heute in den unterschiedlichsten tradierten Formen vor allem im Rheinland und in Süddeutschland vorkommt. Der Ursprung des Maibrauchtums liegt wohl in der Walpurgisnacht, einem uralten Ritual, dass zunächst in der ersten Vollmondnacht nach der Frühjahres-Tag-und-Nacht-Gleiche, später in der Nacht vom 30. April zum 1. Mai gefeiert wurde. Diese Nacht, Maijungen als Mainacht besser bekannt, spielt auch heute bei den Jungenspielen eine große Rolle.

Maibrauchtum im Rheinland

Im Rheinland sind die Maibräuchtümer in vielen Dörfern erhalten geblieben. Sie unterscheiden sich allerdings oft sehr stark von Dorf zu Dorf. Meistens wird das Maibrauchtum allerdings von organisierten Gruppen getragen: Maigesellschaften, Maiclubs, Junggesellenvereine oder in Würselen eben Jungenspiele.
In den Worten "Junggesellenverein" und "Jungenspiel" wird der Hintergrund dieses Brauchtums am besten verdeutlicht: Es handelt sich um ein Brauchtum der Junggesellen, das bedeutet auch der Wortteil "Jungen" in Jungenspiele und nicht etwas Jungen im Wortsinn.

Die Mainacht und das Ausrufen

In den meisten Ortsteilen Würselens ziehen die Maijungen in der Nacht vom 30. April zum 1. Mai durch ihren Ortsteil und rufen die unverheirateten Mädchen des Ortsteils aus. Dies geschieht unter der Leitung ihres Maikönigs. Ausrufen bedeutet, dass die Maijungen von Haus zu Haus ziehen und dort das Mailied singen. Das Mailied ist ein Lied, das wohl auf einen mittelalterlichen Minnesang zurückgeht und bis heute mündlich überliefert wurde. Das Mailied ist zwar in allen Würselener Ortsteilen fast gleich, aber es haben sich kleinere Besonderheiten in den einzelnen Ortsteilen ergeben. "Ausrufen" heißt das Singen des Mailiedes deshalb, weil jeweils ein Mädchen und ein Junge miteinander als Maipaar ausgerufen werden. Der Maikönig befiehlt "nach seinem Rechte", dass zwei junge Leute ein Maipaar bilden sollen. Der Vorsitzende ruft dann laut die Namen der Beiden. Verständlicher wird dies, wenn man den Text des Mailiedes liest. Der ursprüngliche Sinn des Maibrauchtums war also, salopp ausgedrückt, die Singles des Ortes zu verkuppeln. Zwar sind heute längst nicht alle Maipaare auch im Alltäglichen Paare, jedoch haben sich viele Paare bei den Jungenspielen kennen gelernt und zahlreiche Ehen zeugen davon, dass das uralte Brauchtum auch heute noch in der Lage ist, seinen Zweck zu erfüllen.

Die Wahl der Königin und das Stellen des Maibaums

Die Maijungen erwarten für das Singen des Mailiedes von den Maimädchen eine Gabe in Form von Getränken, Eiern, Speck oder Geld. Traditionell wird das Maimädchen, dass die größte Gabe getan hat, Maikönigin. Andere Jungenspiele sind jedoch dazu übergegangen, die Maikönigin genau wie den Maikönig wählen zu lassen.
Wer Maikönigin wird steht also erst spät in der Mainacht fest. Während die Maijungen die erhaltenen Eier und den Speck verzehren, zählen die Kassierer des Vereins die Gaben (den Naturalien wird dabei ein Geldwert zugeordnet). Steht fest, wer Maikönigin wird, dann ziehen die Maijungen zu ihrer Königin und errichten dort den Maibaum. Während in viele Bräuchen jeder Junge seiner Angebeten einen eigenen Maibaum stellt, stellen die Maijungen nur ihrer Königin einen Baum. Dabei handelt es sich aber meistens um ein besonders prachtvolles Exemplar. Dies hat allerdings auch zur Folge, dass das Stellen des Maibaumes - in Gegenwart der Königin - meist zur stundenlangen Herausforderung für die mittlerweile übernächtigten Maijungen wird.

Maikirmes am zweiten Wochenende im Mai

Am zweiten Wochenende im Mai findet dann von freitags bis sonntags die Maikirmes statt. Hier erklärt sich der zweite Wortteil "Spiele": es handelt sich um Festspiele, die mit dem Junggesellenbrauchtum verbunden sind. Damit sich die miteinander ausgerufenen Paare kennenlernen veranstaltet man einen Maiball, zu dem alle Bürgerinnen und Bürger eingeladen sind. Um diesen Maiball herum entwickelten sich im Laufe der Jahrzehnte weitere Veranstaltungen. Die wichtigste unter ihnen ist der Festumzug. Im Umzug präsentieren sich die Maijungen und die Spielspitze in Anzug und Ballkleid mit den Fahnenschwenkern und Pritschenkindern am Samstag abend dem Ortsteil. Zunächst ziehen sie zur Residenz der Maikönigin um diese dort abzuholen. Anschließend ziehen sie durch den Ortsteil zum Festzelt zurück. Damit sollte ursprünglich Werbung für den am gleichen Tag stattfindenden Maiball gemacht werden. Heute sind die Festumzüge allerdings fester und zentraler Bestandteil der Jungenspiele und von wesentlicher Bedeutung. Insofern hat sich auch der Sinn des Maibrauchtums verkehrt: War ursprünglich der Sinn der Festzüge, Werbung für die Bälle und damit für die "Kuppelbörsen" zu machen, ist heute vor allem der Sinn den Festumzug zu veranstalten. Daher steht heute auch "Jungenspiele" synonym für die Festumzüge, so zum Beispiel in der Redewendung "mit jemandem im Jungenspiel gehen". Das Wort Jungenspiel steht somit zum einen für den gesamten Brauch, zum anderen vor allem für die Festumzüge. Die begleitenden Festveranstaltungen werden meist "Kirmes" genannt.
Heute findet die Maikirmes in Oppen-Haal, bedingt durch einen Boom der Jungenspiele in den 1970er Jahren, als die Stadt die Jungenspiele zum Zwecke des Stadtmarketings und der Schaffung einer gemeinsamen städtischen Identität (die Stadt war im Rahmen der kommunalen Neugliederung aus drei ehemals selbständigen Gemeinden entstanden) stark förderte, an drei Tagen statt. Ausserdem feiert man nicht mehr, wie früher üblich in einer Gaststätte, sondern im Festzelt. Am Freitag findet eine weniger förmliche "Thekeneröffnung" ohne Programm statt, am Samstag der "Maiball" und am Sonntag schließlich der "Muttertagsbrunch".

Großkirmes am dritten Wochenende nach Pfingsten

Am dritten Wochenende nach Pfingsten findet dann die Großkirmes statt (in den Ortsteilen, die vor der kommunalen Neugliederung nicht zum Stadtgebiet Würselens gehörten, gibt es abweichende Termine). Dabei feiert der ganze Ortsteil von freitags bis dienstags.
Den Auftakt zu den Kirmesveranstaltungen im Festzelt bildet, wie auch bei der Maikirmes, die Thekeneröffnung. Am Samstag folgt dann der erste von vielen Umzügen: Das Jungenspiel zieht, allerdings ohne Maimädchen, auf direktem Weg zur Residenz des Maikönigs, um diesen dort abzuholen. Dabei gilt grundsätzlich, dass jeden Tag ein anderes Mitglied der Spielspitze abgeholt wird. Solang die Spielspitze nicht komplett ist wird auf verschiedene Sachen verzichtet: So ist die Musik der Marschkapellen weniger ausgelassen und die Fahnenschwenker schwenken ihre Fahnen noch nicht, sondern tragen diese lediglich. Nach einem kurzen Umtrunk startet der Festzug dann durch den Ortsteil und zieht schließlich zum Festzelt. Dort findet dann der Eröffnungsball statt.

Der Kirmessonntag - zentraler Tag der Jungenspiele

Am Sonntag morgen zieht das Jungenspiel zum Fahnenschwenken in der Innenstadt. Das erste Mal sind dann auch die Maimädchen beim Umzug mit dabei. So kann man verfolgen, wer bei Ausrufen erfolgreich war und ein Mädchen davon überzeugen konnte, mit ihm im Jungenspiel mitzugehen.
Dort treten, gewöhnlich vor St. Sebastian, die Fahnenschwenker der sieben innerstädtischen Jungenspiele nacheinander auf und die Spielspitzen der Jungenspiele werden einem breiten Publikum vorgestellt. Anschließend geht es zurück zum Festzelt, wo ein Frühschoppen stattfindet. Ist das Jungenspiel Königsspiel, also kommt der Schützenkönig in diesem Jahr aus dem Ortsteil, zieht es vor dem Fahnenschwenken noch zum Schützenkönig, wo dieser und die Schützen abgeholt werden, um gemeinsam das Hochamt in St. Sebastian zu besuchen.
Am Sonntag nachmittag startet dann das Jungenspiel gemeinsam mit seinen Gastspielen zum "großen Zug". Die Gastspiele des Oppen-Haaler Jungenspiels sind das Linden-Neusener Jungenspiel und das Weidener Jungenspiel. Diese beiden Spiele können deshalb am Umzug teilnehmen, weil sie selber nicht Großkirmes an diesem Wochenende feiern. Als Dankeschön nehmen wir als Gastspiele am großen Zug während ihrer Großkirmes teil. Der große Zug, mit mehr als 500 Teilnehmern, holt zuerst die Maikönigin des Oppen-Haaler Jungenspiels ab. Anschließend findet ein Umzug durch den Ortsteil zur Pfarrkirche St. Sebastian statt. Dort treffen sich alle Würselener Jungenspiele, um gemeinsam über den Markt und die Kaiserstraße zu ziehen. Tausende Besucher säumen dabei den Straßenrand. Anschließend geht es zurück zum Festzelt, wo der Königinnenball inzwischen begonnen hat.

Kirmesmontag und Kirmesdienstag

Am Kirmesmontag findet morgens zunächst eine heilige Messe auf dem Festzelt statt. Diese Veranstaltung hat sich in Oppen-Haal etabliert, um gemeinsam für die Kirmes Dank zu sagen und älteren Mitmenschen aus dem Ortsteil es zu ermöglichen, noch einmal eine Messe zu besuchen. Anschließend findet ein Frühschoppen statt, bei dem traditionell Erbsensuppe zur Verpflegung angeboten wird. Viele Würselener haben sich früher Urlaub genommen, um an dem Frühschoppen teilnehmen zu können, die Geschäfte blieben geschlossen.
Abends trifft sich das Jungenspiel und zieht zum Maiknecht um ihn abzuholen. Wenn der Umzug wieder am Zelt angekommen ist, hat der Kirmesball schon begonnen.
Dienstags finden morgens keine Veranstaltungen statt. Abends holt man den Pritschenmeister ab und feiert anschließen Tanz & Tombola.

Begraben

Nach dem Tanz & Tombola, wenn die letzten Pfennige in Getränke umgesetzt worden sind, wird das Spiel begraben. Das bedeutet, dass das Jungenspiel, dann allerdings in nicht mehr so geordneter Form, aus dem Zelt auszieht zu einem Platz. Ein Redner lässt noch einmal die schönsten Ereignisse der vergangenen Tage in einer "Grabrede" Revue passieren. Dann erklärt er das Jungenspiel für "tot", um gleichzeitig zu prophezeien, dass das Jungenspiel auch im folgenden Jahr "wie Phoenix aus der Asche aufersteht". Ein Strohballen wird entzündet und die Maijungen werfen ihre Strohhüte in das Feuer. Anschließen zieht man zur Maikönigin, um sich dort ein letztes Mal zu stärken.

Das Jungenspiel und seine Abteilungen als Festumzug

Das Jungenspiel stellt sich heute also als die Menge der Teilnehmer eines Festumzuges im Ortsteil dar. Dabei haben sich verschiedene Abteilungen des Umzuges herausgebildet, die hier in ihrer Reihenfolge im Umzug vorgestellt werden.

Fahrradmädchen: Die Fahrradmädchen, ältere Mädchen, die nicht mehr als Fahnenmädchen mitgehen möchten, fahren auf den geschmückten Fahrräder voran und kündigen das Jungenspiel an.

Pritschenmeister: Das Jungenspiel hat einen ersten und einen zweiten Pritschenmeister. Der erste Pritschenmeister ist der "Chef des Spiels" und führt den Zug an. Er bestimmt den Zugweg. Außerdem kümmert er sich um die Jungen unter den Pritschenkindern. Der zweite Pritschenmeister führt die Mädchen unter den Pritschenkindern an.

Pritschenkinder: Ursprünglich waren die Pritschenjungen die Ordnertruppe des Festzuges. Sie wurde gebildet von den Maijungen, die kein Maimädchen gefunden hatten. Sie führten Holzpritschen mit sich, die vor allem dazu benutzt wurden, um Krach zu machen und auf den Umzug aufmerksam zu machen, und wohl auch, um sich damit zur Wehr zu setzen.
Heute sind die Pritschenjungen im Alter von drei bis zehn Jahren. Die Holzpritschen führen diese immer noch mit und den Zweck, Krach zu machen, erfüllen die Pritschen auch heute noch.
Eine Besonderheit in Oppen-Haal sind die Fahnenmädchen. Während in den anderen Jungenspielen die kleinen Mädchen, bei den Pritschenjungen mitgehen, bilden sie in Oppen-Haal eine eigene Abteilung. Sie sind nicht mit einer Pritsche ausgestattet, sondern mit einem kleinen Fähnchen.

Fahnenträger: Die Fahnenträger sind die ältesten Pritschenjungen. Sie tragen die Standarten des Oppen-Haaler Jungenspiels: Die Standarte der ursprünglich selbständigen Jungenspiele Oppen und Haal, sowie die Gründungsstandarte des Oppen-Haaler Jungenspiels aus dem Jahre 1976. Im Jahre 1995 wurde anlässlich des 25-jährigen Jubiläums der Neugründung des Oppener Jungenspiels, der Vorgängerin des Oppen-Haaler Jungenspiels und daher Gründungsjubiläum des gesamten Jungenspiels, eine weitere Standarte gestiftet.

Fahnenschwenker: Die Fahnenschwenker sind Ehemalige des Jungenspiels, die mit einer besonderen Schwenkfahne ausgestattet sind. Mit ihren akrobatischen Darbietungen tragen sie wesentlich zur Attraktivität des Umzuges bei.

Spielspitze: Die Spielspitze besteht neben den beiden Pritschenmeistern aus der Maikönigin, dem Maikönig und deren Ehrendame, sowie der Maimagd, dem Maiknecht und deren Ehrendame. Maimagd und Maiknecht sind gewissermaßen die Stellvertreter der Maikönigin und des Maikönigs, während die Ehrendamen ursprünglich wohl die Maimädchen der Pritschenmeister waren, und dies zum Teil heute noch sind. Die Spielspitze ist der wesentliche Bestandteil des Festumzuges: Ihnen zur Ehre werden die Festumzüge veranstaltet, damit sie sich dem Ortsteil zeigen können.

Maipaare: Die Maipaare bilden den Abschluss des Jungenspiels. So kann der Ortsteil sehen, welche Paare sich in diesem Jahr zusammengefunden haben. An den Umzügen am Samstag Abend nehmen allerdings nur die Maijungen teil.

Wir hoffen, dass nun etwas klarer geworden ist, was Jungenspiele sind. Abschließend gilt es eigentlich nur zu sagen: "Jungenspiel macht einfach Spaß", und: "Jungenspiele sind ein schönes Stück Würselen."