Festschrift 1995

Aus ganz alter Zeit (1620)

Zu Protokoll gegeben: Am 1.Mai[1620], dem Fest der Apostel Phillip und Jakob, sind die Junggesellen im Dorf Würselen nicht nur während der gesamten Nacht umher gezogen und haben um Gaben gebeten, sondern einige haben sich auch in der Gaststätte des Quirin von dem Birckbaum aufgehalten, als man zur Hauptmesse um neun Uhr läutete. Vor dem Beginn des Gottesdienstes hat der Pastor zwei Meßdiener in die genannte Gaststätte geschickt, um den Wirt und die Gäste an seine Meßfeier zu erinnern. Als dies erfolglos geblieben war, hat sich der Pastor persönlich, bekleidet mit Alba und Stola, in das Gasthaus begeben und hat zuerst höflich, dann barsch ermahnt und erinnert. Dies hatte aber lediglich zur Folge, daß ein kleinwüchsiger Soldat des Amtes Wilhelmstein, [……] den Pastor am Kücheneingang mit einem Gewehr bedroht hat, während die Junggesellen widersetzlich geblieben sind und dem Gottesdienst zum allgemeinen Ärgernis ferngeblieben sind.[……] Am Fest Christi Himmelfahrt [25.Mai 1620] sind die Junggesellen des Dorfes Würselen und ihre Genossen am frühen Morgen in den Wald gezogen und haben einen Maibaum geschlagen. Dann haben sie den Maibaum während des Gottesdienstes nach Würselen transportiert und am Nachmittag auf dem Grundstück des Quirin von der Birk aufgestellt. [….] Am Pfingstdienstag [1620] sind die tanzversessenen Junggesellen der Pfarrei schon vor dem Beginn der Hauptmesse von einem Wirtshaus in das andere gezogen, sind ungeachtet der Hauptmesse von Wilhelm Quadfliegs Haus nach Oppen zu Phillip Wahlen gegangen und haben sich betrunken, und zwar derart, daß Wilhelm Noppeney […..] schließlich die Küchenfenster einschließlich Glas und Rahmen zertrümmert hat.”

(aus: Protokollbuch des Würselener Sendgerichts 1610-1683. Original im Archiv der Pfarre St.Sebastian. Aus einem Altdeutsch-lateingemisch übersetzt von Dr.Franz Kerff)”

Und die Musik spielt dazu

Wenn drei Wochen nach Pfingsten Würselen große Kirmes feiert, dann liegt Musik in der Luft: Marschmusik für die zahlreichen Umzüge, Blasmusik für die Frühschoppen und Tanzmusik für die Abendveranstaltungen.

Da Musik ein wesentlicher Bestandteil der Kirmesveranstaltungen darstellt, ist es eine wichtige Aufgabe für die Vorstandsmitglieder der Jungenspiele, gute Kapellen rechtzeitig unter Vertrag zu nehmen. Dabei ist es nicht unüblich, schon nach dem letzten Festzug am Kirmesdienstag, die Kapellen für die Umzüge des nächsten Jahres per Handschlag zu verpflichten.

Auf diese Art und Weise ist das Trommler- und Pfeifferkorps Broicher Siedlung 1970 seit 1974 ein musikalischer Wegbegleiter des Oppen-Haaler Jungenspiels. Ohne Unterbrechung hat dieses Korps für alle Umzüge anläßlich der Maikirmes und der Großkirmes die Marschmusik gespielt. In all diesen Jahren ist das Trommler- und Pfeifferkorps Broicher Siedlung 1970 stets pünktlich und korrekt zur Stelle gewesen und hat harmonisch mit verschiedenen Blasmusikkapellen für die richtige Musik der Festzüge gesorgt.

Ein weiterer musikalischer Dauerläufer war die Tanzband X-Ray. Diese Kapelle hat bis zu ihrer Auflösung im Jahr 1985 insgesamt 10 Jahre für die richtige Stimmung der Tanzveranstaltungen im Festzelt des Oppen-Haaler Jungenspiels gesorgt. Die fünf Musiker der X-Ray haben es immer verstanden, den musikalischen Bogen ihres Repertoirs so zu spannen, daß für jeden Gast im Zelt etwas dabei war. Mit jeweils aktuellen musikalischen Ohrwürmern, Oldies und Evergreens – aber auch mit halbstündigen Polonaisen hat die X-Ray das Publikum immer in den Griff bekommen. Die Polonaisen begannen stets mit “Wir send de Jonge van et Spell” und endeten mit “Et Oppen-Haaler Spell, dat ist et allerschönste”. Daß drei Musiker mit dicker Trommel, Becken und Marschtrommel die Polonaise anführten, war genauso ein Gag der X-Ray-Musiker, wie der spektakuläre Auftritt der Madame Chou-Chou zu dem Lied “Ich kom et Strößje eraf jejange”.

Die enge Verbundenheit der X-Ray zum Oppen-Haaler-Jungenspiel haben die Musiker jedes Jahr erneut unter Beweis gestellt. Da sie auch schon einmal den einen oder anderen Streich der Maijungens unterstützt haben, wurde der Organist Ewald Flecken einmal selbst Opfer eines solchen Streiches, über den in der Presse wie folgt berichtet wurde:

Ein Schabernack zum Ausklang der Kirmes

“Würselen. – Kirmes auf dem Festzelt in Oppen-Haal ohne die Kapelle “X-Ray” ist so gut wie undenkbar. So viele Jahre haben die fünf Musikanten schon dort für Stimmung und gute Laune gesorgt, daß sie einfach nicht mehr wegzudenken sind. Doch haben sie nicht nur dort viele Jahre lang schon an mehreren Kirmestagen aufgespielt. Vielmehr haben es die fünf Musikanten nicht minder wohl verstanden, mit den Maijungen zu feiern und bisweilen auch einen Streich auszuhecken, wenn das Spiel am Mittwochmorgen begraben wurde. “Opfer” eines solchen Streiches wurde vor zwei Jahren der Pianist der Kapelle selbst. Wurde er doch am für ihn frühen Mittwochmorgen, da er doch so früh den Weg vom Zelt in seine Scherberger Gefilde gefunden hatte, unsanft von der Besatzung eines Funkstreifenwagens geweckt. Der Schreck fuhr ihm dabei gehörig in die Glieder, obwohl er sich keiner Schuld bewußt war. Hatte er doch treu und brav seinen VW-Bus in Haal stehenlassen und war mit dem Taxi nach Hause zurückgekehrt. Doch die Beamten hatten ihn als Halter des beschriebenen Fahrzeuges ermittelt, das in der Nähe des Zeltes stand und bis unter das Dach mit Knochensteinen beladen war. Eben diese Steine fehlten den Straßenbauern, die am Mittwochmorgen ihre Arbeiten an den Bürgersteigen fortsetzen wollten. Da sie sich keinen anderen Rat wußten, hatte ihr Bauführer kurzerhand die Polizei verständigt, die den Knochensteindieb dingfest machen sollte. Doch der wahre Hintergrund klärte sich schnell auf. Bauarbeiter und Polizei mußten rasch einsehen, daß sie den “Spellsjongen” von Oppen-Haal, denen man auch noch so manchen anderen Schabernack nachsagt, auf den Leim gegangen waren. Sie hatten eigenhändig das Gefährt ihres “X-Ray”-Pianisten mit Steinen beladen. So übermütig sind “Spellsjongen”, wenn ihr Fest gelungen war! AZ 29.6.1984″

Schon wieder ‘ne Neue?

Alles fing damit an, daß eine Woche vor dem Maiball weder Maimagd noch Ehrendame feststanden, deshalb wurden einige mögliche Damen auf dem Maiball von Dobach-St. Jobs bei einem Gläschen (?) Bier überredet in diese Ämter einzusteigen. So erklärte sich Andrea Klein spontan dazu bereit, das Amt der Ehrendame zu übernehmen. Bei einem “Hausbesuch” am selben Abend überredeten wir (Wolfgang Ernst, Georg Lüders, und ich – Frank Bougè) Petra Harren, daß Amt der Maimagd anzunehmen, was sie nach kurzem Zögern auch tat. Auf dem Maiball konnte somit ohne weitere Probleme eine komplette Spielspitze der Öffentlichkeit präsentiert werden. Das Unheil begann jedoch eine Woche vor Kirmes beim Festumzug in Linden-Neusen, bei der sich die Ehrendame Andrea Klein während des Umzuges einen Reißzwecken in den Fuß trat, was sie jedoch nicht davon abhielt bis zum späten Abend durchzuhalten.

Unaufhaltsam nahte der Kirmessamstag, alle Vorbereitungen waren abgeschlossen und die Kirmes konnte beginnen. Wie es sich für einen Knecht gehört holte ich meine Maimagd mit dem Auto zu Hause ab, wo ihr jedoch schon etwas Unwohl war, am Zelt angekommen hatte die Maimagd dermaßen starke Magenkrämpfe, daß ihr ein Mitgehen im Festumzug unmöglich war. Während ich mich um meine Maimagd kümmerte und sie nach Hause fuhr, überließ mir Wolfgang Ernst für diesen Abend seine Maidame, Renate Bartz. Auf dem Zelt erfuhren wir, daß Petra ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Woher auf die Schnelle eine Maimagd nehmen?!

Rudolf Roß hatte die richtige Idee: Wir überredeten seine Freundin Birgit Häuser (die Schwester der Ehrendame des Maikönigs) im Spiel als Maimagd mitzugehen.

So war für den Kirmes Sonntag alles gerettet – dachten wir. Denn nachdem wir vom Fahnenschwenken aufs Zelt zurückgekehrt waren und sich nach dem Frühschoppen alles auflöste, um fit für den Nachmittag zu sein, passierte es: Meine “Neue” knickte vorm Zelteingang um, und war nicht mehr einsatzfähig. Aufgrund einer Bänderdehnung konnte sie am Nachmittag leider nicht mehr mitgehen, wovon ich als Knecht wieder einmal zuletzt erfuhr. Kurz vor dem Abmarsch hatte Norbert Klinkenberg den rettenden Einfall: ein Telefonat mit seiner Freundin, Uschi Plum, sollte diese davon überzeugen, daß sie als Maimagd gebraucht wurde. Weil Uschi keinen Bezug zum Jungenspiel hatte, besaß sie auch kein langes Kleid – doch unsere Maikönigin, Gabi Momm, erklärte sich nach einem weiteren Telefonat dazu bereit, eines ihrer Kleider zur Verfügung zu stellen. Da die Zeit drängte und es unmöglich war, in der Eile in ein Kleid zu schlüpfen, erklärte sich Renate Bartz abermals dazu bereit bis zum Umtrunk bei der Königin als Maimagd zu fungieren. Nach dem Umtrunk erschien Uschi in Festtagskleidung, so daß der Festumzug für das Oppen-Haaler Jungenspiel beginnen konnte. Den Zuschauern konnte man es förmlich von den Lippen ablesen: “Der hat schon wieder ‘ne Neue!” (Neid?).

Doch Uschi gefiehl ihr Amt so gut, daß sie nicht lange überlegte und bis zum Schluß des Jungenspiels, einschließlich Weiden, trotz diverser Kleiderprobleme, welche jedoch zu aller Zufriedenheit gelöst werden konnten, an meiner rechten Seite blieb. An meiner linken Seite hielt, tapfer bis zum Schluß, meine Ehrendame Andrea Klein durch. Zu meinem “Verschleiß” meinte sie: ” Nur die Härtesten kommen durch!”

Mit freundlichen Grüßen an zukünftige Maiknechte und “Vielen Dank” an alle meine Damen, verbleibe ich,

Euer Maiknecht 1987