Festschrift 1995

Aus dem Leben eines Pritschenjungen

“Jetzt machen wir erst mal ein Photo!”

Ich habe die ganze Zeit gehofft, daß sie das nicht sagen würde. Aber Mama hat den Apparat schon in Anschlag gebracht – jetzt muß ich nur noch ein möglichst glaubwürdiges “cheese” für die Nachwelt hinkriegen.

Und das am frühen Morgen! Heute ist nämlich Sonntag, Kirmessonntag, und das heißt zunächst Fahnenschwenken vor der Kirche.

Gestern abend ist auch schon ziemlich was abgegangen, Schärpe und Hut ausleihen, die Pritsche natürlich auch. Und dann der Festzug. Wow, war ganz schön weit. Nachdem ich auch superlange aufbleiben durfte, ist mir heute das Aufstehen nicht so leicht gefallen wie sonst.

Aber gleich geht es wieder los. Wir treffen uns eine halbe Stunde vor dem Abmarsch am Zelt. Da treffe ich dann auch meine Schulfreunde, die auch alle mitgehen, und wir fechten noch ein bißchen mit den Pritschen. Das darf natürlich der Pritschemeister nicht sehen, weil der sonst sauer wird. Wie gestern, als wir beim Maikönig Pause gemacht haben, um Limo zu trinken (ich würde ja viel lieber Bier trinken, weil das öfters vorbeigetragen wird, aber leider darf ich das noch nicht). Jedenfalls geht vom Fechten die Pritsche kaputt, und die muß man dann bezahlen, hat der Pritschenmeister gesagt, und der muß es ja schließlich wissen.

Auf dem Zelt habe ich die Pritsche auch sofort Mama gegeben, denn ich mußte ja beide Hände für die Biermärkchen frei haben, die wir bekommen haben. Na ja, warum die Biermärkchen so heißen weiß ich auch nicht, ich habe jedenfalls nur Limo und Cola getrunken. Später haben wir noch lange auf dem Zeltgelände gespielt, bis wir nach Hause mußten. Mama hat mir vorher gesagt, ich solle mich nicht dreckig machen, aber das habe ich irgendwie nicht geschafft! Das macht aber nix, heute habe ich ja ein neues Hemd an. Mama sagt bestimmt gleich wieder, daß ich sauber bleiben soll, aber ich glaube, das klappt schon wieder nicht …. so ganz in weiß.”
Eine Mutter erinnert sich,”Fast zwei Jahrzehnte sind bereits ins Land gegangen. Unsere beiden Mädchen besuchten die Grundschule. Der Winter ging zu Ende, die Natur zeigte ihr erstes Grün, der Frühling kündigte sich an. Die Maijungen trafen bereits Vorbereitungen für ihr Jungenspiel. Vorbereitungen wurden auch in unserer Familie getroffen, denn unsere beiden Mädchen wollten zum ersten Mal beim Jungenspiel mitmachen. Als Pritschenmädchen sollten sie durch unseren Ortsteil Oppen-Haal und durch die Stadt ziehen. In den Spielfarben von Oppen-Haal, blau und rot, wurden die Röckchen und die T-Shirts gekauft. Auch passendes Schuhwerk gehörte dazu. Sogar die Haarschleifen wurden in den Spielfarben blau und rot gefertigt.

Kirmessonntag.- Freudige Erregung machte sich bei den Kindern, aber auch bei mir, breit. Vom Zelt, damals noch auf dem Rahsergelände aufgestellt, setzte sich das Jungenspiel in Bewegung. Alle versuchten, im Takt der begleitenden Marschmusik, Schritt zu halten. Weitere Mütter und ich begleiteten unsere Pritschenmädchen, sozusagen als Eskorte. Von Pritschen war bei den Mädchen allerdings nichts zu sehen, sie schwengten statt dessen Fähnchen in Blau und Rot. Immer dann, wenn das Spiel stockte, wurden Röckchen und T-Shirts zurechtgezupft, die Haarschleifen neugebunden, obwohl das meistens nicht nötig war. Ich weiß nicht, wer aufgeregter war, ich oder die beiden Pritschenmädchen.

Kurze Zeit später standen wir vor St. Sebastian, beim traditionellen Fahnenschwenken aller Würselener Jungenspiele und der Vorstellung der dazugehörenden Spielspitzen. Der amtierende Schützenkönig wurde auch vorgestellt. Ein prächtiges Bild zeigte sich den vielen Menschen, von Nah und Fern, von der Pfarrkirche bis zum Markt.

Unsere Pritschenmädchen waren dem Geschehen als Mitwirkende des Oppen-Haaler Jungenspiels ganz nahe, konnten sie sich doch unmittelbar am Podest aufhalten. Lautstark bejubelten sie die von Karl-Jupp Kaefer angesagten Spielspitzen des Oppen-Haaler Jungenspiels. Sie bewunderten das Können der Oppen-Haaler Fahnenschwenker. Ein besonders gut gelungener Wurf wurde mit leuchtenden Augen beklatscht.

Das Oppen-Haaler Spiel kehrte heim zu seinem Zelt, wo beim traditionellen Frühschoppen auch meine Pritschenmädchen eine wohlverdiente Limo im Kreis der Maipaare tranken. Die Mädchen erzählten mir von ihrem großen Erlebnis. Ein Regenguß, der kurz vor Einzug des Spiels ins Zelt alle Beteiligten pudelnaß gemacht hatte, tat der Stimmung keinen Abbruch.

Die Kirmestage gingen vorbei. Das Oppen-Haaler Spiel wurde begraben, aber die Erinnerungen an das erste Jungenspiel meiner Mädchen vor nun fast 20 Jahren bleiben”
Jungenspiel ein Jungen Spiel? Mädchen in Oppen-Haal,”Mit der Gründung des Oppen-Haaler Jungenspiel machte man sich Gedanken, wie man den Nachwuchs an das Brauchtum heranführen kann. Um den Kindern den Einstieg in das Brauchtum der Würselener Jungenspiele zu erleichtern und somit Nachwuchs für kommende Jahre sicherzustellen ist es wichtig, daß interessierte Jungen und Mädchen frühzeitig angesprochen werden und aktiv am Jungenspiel teilnehmen können. In jedem Spiel gibt es die Pritschenjungen, die mit Strohhut und Pritsche in weißer Montour dem Pritschenmeister folgen.

Aber was ist mit den Mädchen? Für die Jungenspiele wurden die Mädchen erst mit 16 Jahren interessant, dann nämlich wenn sie mit dem Mailied ausgerufen werden können. Seit 1976 bietet Oppen-Haal, einmalig in Würselen, interessierten Mädchen ab 4 Jahren die Möglichkeit, in ihrer eigenen Gruppe und mit ihrem eigenen Pritschenmeister, am Spiel teilzunehmen.

Im ersten Jahr fand dieser Beitrag zur Belebung der Jungenspiele soviel Anklang, daß auf Anhieb 30 Mädchen teilnahmen. Sie zogen zwischen Fahnenschwenker und Spielspitze angeordnet durch den Ortsteil und im großen Festzug mit. Heute bilden die Mädchen mit ihrem Pritschenmeister die Spitze des Spiels.

Als Kontrast zu den Holzpritschen der Jungen ziehen die Mädchen mit kleinen Fähnchen durch Würselen. Die älteren Mädchen, die sich für das Fähnchen zu groß fühlen, aber noch keine 16 Jahre sind fahren mit ihren bunt geschmückten Fahrrädern vor unserem Jungenspiel.

Die Mädchen und ihre Eltern haben im 2. Pritschenmeister ihren Ansprechpartner, der jederzeit für die kleinen und großen Probleme ein offenes Ohr hat.

Die Gruppe wird von Jahr zu Jahr größer, und schon jetzt fiebern die kleinen Mädchen ihrem Auftritt während der Kirmestage 1995 entgegen.

Oppen-Haal: Ein Ortsteil zeigt Flagge!

Alle Ortsteile in Würselen zeigen Flagge – stimmt! Jedoch in Oppen – Haal in einer etwas anderen Art und Weise. Bei einem der bekannten und fröhlichen Straßenfesten der Thomas Mann Straße, gelegen im Jennes-Gelände, stellte man fest, daß man keinen Fahnenschmuck besaß. Es entstand die Idee, etwas zu machen, was andere Stadtteile nicht hatten: Man wollte sich mit den Farben des Jungenspiels identifizieren, den Farben von Haal und Oppen.

Die so beliebte Gruppe der Fahnenschwenker des Oppen-Haaler Jungenspiels hatte den Bewohnern der Thomas-Mann-Straße sehr viel Freude bereitet und zu deren Unterstützung wollte man deshalb weiß-blaue und weiß-rote Rautenfahnen, wie sie die Fahnenschwenker an den Kirmestagen durch die Luft wirbeln. Gesagt, getan – die Fahnen wurden gekauft und am 7. Juni 1982 bei einem Straßenfest eingeweiht. Nach Aussagen des Spiels und insbesondere der Fahnenschwenker war man stolz auf dieses Zeichen besonderer Verbundenheit. Es war ein prächtiges Bild, als das Jungenspiel an den Kirmestagen zum ersten Mal in die voll beflaggte Thomas-Mann-Straße einbog und die weiß-blaue und weiß-rote Fahnenpracht erlebte.

Inzwischen haben andere Straßen mitgezogen – über 120 Fahnen schmücken den Stadtteil dank der Organisation der Aleleins. Alte Fahnen und neue Fahnen schmücken heute unsere Stadtteile Oppen und Haal. Unser Stadtteil ist dabei sicher schon vorbildlich. Die, die bisher noch keinen Schmuck für ihr Haus hatten, bitten wir, sich an den Kirmestagen dem Häuserschmuck des Stadtteils anzupassen. Wir würden uns sehr darüber freuen.

Fahnenschwenken in Oppen – Haal, die schönste Nebensache der Welt

Fahnenschwenken gehörte schon immer zu den Grundbestandteilen des Brauchtums Jungenspiele. Hatten die Jungenspiele vor dem Krieg und auch unmittelbar nach dem Krieg immer nur einen Fahnenschwenker, auf den sie natürlich besonders Stolz waren, so bildeten sich in den 70er Jahren Fahnenschwenkergruppen. So auch in Oppen-Haal.

In den ersten Jahren, von 1970 bis 1974 waren die schon erfahrenen Fahnenschwenker Heinz Bäsler und Josef Römgens die Stützen des Oppener Jungenspiels. 1975 ergänzten diese sich zur ersten Gruppe zusammen mit Hans Übinger, Wilfried Felder und Josef Clermont, der jedoch schon 1976 die Gruppe wieder verließ. Dafür kamen beim ersten Oppen – Haaler Jungenspiel 76 Manfred Engelhoven, Günter Vondenhoff, Ralf Nießen und Frank Momm dazu. Schon 1977 stießen mit Manfred Beißel, Peter Bülles und Hans-Peter Wandel jungenspielerfahrene Schwenker zur Gruppe dazu. In dieser Formation schwenkte die Gruppe einige Jahre. Dann kam die Zeit der Wechsel. Erst verließ Wilfried Felder die Gruppe, etwas später Manfred Engelhoven und Hans Übinger. Nach dem kurzen Gastspiel von Piere Übinger und Cornel Gorgels wurde die Gruppe im Laufe der Jahre bis heute um Stefan Erhardt, Leo Simons, Norbert Klinkenberg, Wilfried Mallmann und zuletzt Bernd Schürmann ergänzt.

Nun ist aber mit dem Nennen der Namen und Jahreszahlen nicht alles über eine Gruppe gesagt, die im Laufe der Jahre zu einem festen Bestandteil des Oppen – Haaler Jungenspiels geworden ist.

Von Anfang an waren sich die Mitglieder der Gruppe einig darüber, daß das Fahnenschwenken nur und ausschließlich der Kirmes und dem Jungenspiel zu dienen hätte. (Dies unterscheidet uns von manchen “Profiteams” die sich anderenorts entwickelt haben) Auch sollte die Gruppe eine Einrichtung werden, die es kirmesverrückten Jungenspielteilnehmern ermöglichte, nach ihrer aktiven Zeit als “Pärchen”, weiter aktiv beim Spiel zu bleiben.

So schwenkte man am Anfang auch munter drauf los, jung, den eigenen Spaß im Kopf und ohne große Gedanken an die Zukunft. Dies sollte sich bald ändern. Nachdem, der anfänglich gut gemeinte Beifall, der Zeltbesucher ausblieb und erste Kritik an den Schwenkkünsten der Gruppe laut wurden, kam es zur Wende. Man setzte sich zusammen, um neue Wege des Fahnenschwenkens zu finden und auch zu beschreiten. Das Rautenmuster für die Schwenkfahne wurde entworfen, die ersten Showfahnen entwickelt. Erstmals wurden beim Schwenken im Zelt Lichteffekte eingesetzt um den Auftritt für die Zuschauer attraktiver zu gestalten. Es wurde regelmäßig trainiert (das Fußballspielen während des Trainings wurde gestrichen) und über die Musik zum Schwenken machte man sich intensivere Gedanken. Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Das Rautenmuster der Schwenkfahne wurde zum festen Bestandteil des Fahnenschmucks im Ortsteil und zum Marktzeichen der Oppen – Haaler Fahnenschwenker. Die Bevölkerung stellte sich hinter die Gruppe und unterstützte sie wo auch immer möglich.

So arbeitete man sich immer weiter voran und ließ sich auch durch kleinere Mißgeschicke nicht davon abhalten, bis zum heutigen Tage das Beste zu geben.

Die Fahnenschwenkergruppe von Oppen-Haal bedankt sich an dieser Stelle bei allen Freunden und Gönnern, also der Bevölkerung von Oppen und Haal für 20 Jahre Unterstützung, auch durch Beifall während der Umzüge und des Schwenkens im Festzelt und hofft, daß uns das Brauchtum und die Freundschaft noch lange Jahre verbindet.