Festschrift 1995

Ein Maibaum ist nicht ein Maibaum

Man ist schnell versucht zu glauben, dieses alljährlich sich wiederholende Ritual, würde aufgrund der Erfahrung und Routine der Maijungen problemlos und ohne Zwischenfälle vonstatten gehen. Doch schwer getäuscht, denn die “Routiniers” wissen es besser: jedes Jahr bietet seine kleinen Besonderheiten und Überraschungen.

Alles beginnt mit der Suche nach dem richtigen Kandidaten, denn gerade in Oppen-Haal werden “hohe” Anforderungen an ihn gestellt. In erster Linie muß er groß sein, er darf keinen zu dicken Stamm haben, und er muß später genug Standvermögen aufweisen können. Kenner der Szene wissen schon längst worum es geht:
Die Sprache ist hier von dem Brauch, der in der Nacht zum ersten Mai ermittelten neuen Maikönigin ihren Maibaum aufzustellen und den damit verbundenen Begleiterscheinungen. Freitags vor dem ersten Mai treffen sich die Oppen-Haaler Maijungen erstmals um den zumeist schon vorher auserkorenen Maibaum zu “erlegen”. Bewaffnet mit Axt, Sägen, Seilen und für jeden Jungen eine Flasche Gerstensaft, begibt sich der tatenhungrige (und durstige) Pulk samt Helmut und seinem Trecker zum Tatort. Da in Würselen das Fällen von Maibäumen in den letzten Jahren teilweise mit größeren Schwierigkeiten verbunden war, verschlug es die Jungen oftmals fernab von ihrem Ortsteil Oppen-Haal in die Aachener Waldlandschaft, einmal sogar bis zum Dreiländereck. Aber schließlich ist den Maijungen kein Weg zu weit und beschwerlich, um ihrer Maikönigin einen Maibaum zu beschaffen, und so sah man schließlich auch mal etwas von der übrigen Welt. Auch unkalkulierbare Hindernisse, wie verschlossene Schranken, Bäume im Gefälle, oder solche, die so dicht von anderen umgeben sind, daß sie einfach nicht fallen wollen, stellten sich nie als unüberwindbar dar. Im Gegenteil, sie sind oftmals das Salz in der Suppe. Nachdem der Baum durch viele mehr oder weniger kräftige Axthiebe zum Fallen gekommen ist, und auch jeder schon seine Flasche Bier geleert hat, kommt der schweißtreibende Teil des “Maibaumfällens”.

Verständlicherweise ist es Helmut nicht möglich seinen Trecker nebst Anhänger direkt am Baum zu parken, daher müssen beim Tragen des Baumes für gewöhnlich noch etliche Meter zurückgelegt werden. Da die Oppen-Haaler Maijungen sich selten mit Bäumen unter zwanzig Metern Höhe zufrieden geben, müssen sie so manchen Schweißtropfen vergießen bevor der Baum gesichert auf dem Hänger zum Liegen kommt. Doch durch immer wieder auftretende glückliche Umstände wurden meistens noch kleinere Mengen an Trinkbarem auf dem Trecker entdeckt, sodaß es jedem Jungen doch noch gegönnt ist mit einem weiteren Schluck seine trockene Kehle anzufeuchten. Ist die letzte Arbeit getan, fährt man zufrieden gen Haal, wo die Jungen von den Maimädchen erwartet werden, um auf dem Hof Nellessen gemeinsam den Abend gemütlich mit Grillen zu verbringen.

Doch es ist nicht nur das Fällen mit Arbeit verbunden, nein, der größte Brocken folgt beim Aufstellen am Haus der Maikönigin. Eine wahre Meisterleistung bewältigten die am frühen Morgen noch übriggebliebenen Maijungen im Jahre 1990, als der Baum bei der damaligen Maikönigin Andrea Gerling in der Oppener Straße aufgerichtet wurde. Denn der Baum hatte noch nie dagewesene Ausmaße. Da die Schätzungen sehr unterschiedlich ausfielen – man bedenke, daß die Maijungen eine ganze Nacht unterwegs waren und das Urteilsvermögen mancher auch durch etliche Umtrünke stark beeinträchtigt war – wurden unter einigen Maijungen Wetten abgeschlossen, um der ergebnislosen Diskussion ein Ende zu bereiten. Beim Niederlegen des Baumes im August des selben Jahres maß man ihn, um Gewißheit zu erlangen. Gewonnen hatte ein Maijunge, der den Baum auf 26m schätzte und damit den Nagel auf den Kopf traf. Natürlich brauchen solche Bäume auch entsprechende Sicherungen durch Abspannseile. Bisher mußten zwar hin und wieder einmal Seile nachgespannt werden, doch alles in allem standen die Bäume bisher bombenfest. Kein so großes Vertrauen in die Fähigkeiten der Oppen-Haaler Maijungen zeigte ein bisher noch unbekannter Nachbar der Maikönigin von 1993, Nicole Veltkamp. Dieser glaubte, die in der unmittelbaren Umgebung des Baumes stehenden Autos in Gefahr, und benachrichtigte das städtische Bauamt. Die Beamten sollten sich von der Gefährlichkeit des plötzlich neben seinem Auto “gewachsenen Ungetüms” überzeugen und die Maijungen zu entsprechenden Gegenmaßnahmen auffordern. Zwei Beamte der Stadt machten sich sogleich ins Oppen-Haaler Hoheitsgebiet auf, um der Sache auf den Grund zu gehen. Im Drischfeld angekommen stellten Sie fest, daß der Baum “vorschriftsmäßig” angebunden war. Zu klären war nur noch wie tief sich der Baum in der Erde befand. Da nur die Oma der Königin anzutreffen war, wurde diese dazu befragt: “Die Jungens haben die ganze Nacht gebuddelt, das Loch ist mindestens zwei Meter tief.” Von dieser Information beruhigt kamen die Beamten zu dem Schluß “Der Baum hält!”. Seitdem führen die Oppen-Haaler Maijungen den Titel “staatl. geprüfte Maibaumsetzer”.

Eine rundum gelungene Idee – Altenspiel 1974

Im Rahmen der “50 Jahre Stadt Würselen” Feiern überlegten die Sejjelbäcker, wie sie Ihre Kirmesaktivitäten mit dem städt. Fest in Einklang bringen konnten. Schon früh beschlossen sie, sich selbst am Jungenspielfestzug zu beteiligen und zwar als Altenspiel mit Trachten aus den Jahren, als Würselen seine Stadtrechte erhielt. Unter dem Motto “Wie vor 50 Jahren” hatten die Teilnehmer wie auch die Zuschauer an der gelungenen Aktion sehr viel Spaß.”
Ein Jungenspiel wird wiedererweckt,”Würselen wurde 1100 Jahre alt. Aus diesem Grund wollten die Oppener Sejjelbecker im Jahre 1970 etwas Besonderes leisten. Der Vorstand mit Paul Klinkenberg (Vors.), H. Bougé, K. Rosenbaum, R. Gehlen, G. v. Königsmark, T. Beissel, H. Honnef, Q. Sterck, H. Jorias und H. Juchems beschlossen am 2. November 1969, daß sie in Oppen wieder ein Jungenspiel zum Leben erwecken wollten. Bei dem Versuch, mit Jungen des Ortsteils ins Gespräch zu kommen, erschienen bei der ersten Einladung kein Maijunge, bei einer zweiten, schriftlichen Einladung am 18. Dezember 1969 immerhin 9 von 94 angeschriebenen Jungen. Als dann bei einer Besprechung nur unter Maijungen noch weniger Maijungen da waren, sah man das Jungenspiel schon als gescheitert an.

Trotzdem zog man auf der Jahreshauptversammlumg am 8. März 1970 unter Punkt ver-schiedenes einige Maijungen hinzu. Den Jungen wurde jegliche Hilfe der Sejjelbecker zugesichert, so z.B. für jeden Pritschenjungen eine weiße Hose. Sollte sich das Spiel finanziell nicht selbst tragen, hatte jedes Mitglied sich verpflichtet, mit DM 50 einzuspringen.

Auf der Aprilversammlung waren die Maijungen ebenfalls anwesend. Die Zahl der Maijungen war sehr gering, aber mit R.Pinnartz wurde ein Fahnenschwen-ker bestimmt. Nach Festlegung des Zeltplatzes im Rhasergelände und Anmieten des Zeltes einigte man sich auf einen gemeinsamen Kassendienst (3 Maijungen und 3 Sejjelbäcker) am Zelteingang. Heinrich Honnef und Karl – Josef Kaefer wurden den Maijungen als organisatorische Unterstützung zur Seite gestellt.

Trotz aller Anfangsprobleme, es hat geklappt: nach ca. 60-jähriger Pause ging zu Kirmes 1970 wieder ein Oppener Jungenspiel.

Althaaler Jungenspielerinnerungen,”Wenn wir heute das 25-jährige Jubiläum des Oppen-Haaler Jungenspiels feiern, so feiern wir die Wiederbelebung des Oppener Jungenspiels 1970. In den Stadtteilen gab es schon sehr viel früher immer wieder Aktivitäten unseres schon sehr alten Maibrauchs. Wenn man speziell etwas über die Jungenspiele früherer Jahre im Stadtteil Haal erfahren will, so kann man z.B. Peter Schümmer fragen, der Ende der 20er Jahre und Anfang der 30er Jahre Pritschenjunge war, oder den 1. Maikönig nach dem Kriege 1949 – unseren Haaler Lebensmittelhändler Albert Juchems oder den heutigen Vorsitzenden des Rauchclubs Haal und Maiknecht des Jahres 1951 Arnold Milcher.

Vieles war früher anders, aber das meiste war Tradition des Brauchtums, wie wir es heute auch kennen. Sowohl vor dem Kriege, als auch noch nach dem Kriege waren die Pritschenjungen viel älter als heute. Man mußte mindestens 18 Jahre sein, um mitmachen zu dürfen. Die Menschen waren deutlich ärmer als heute. Kein Pritschenjunge hatte mehr als eine Hose, und so eine weiße Hose wird schnell schmutzig. So erinnert sich Peter Schümmer, daß einige Pritschenjungen, nachdem sie bei einem Besuch beim Scherberger Spiel “hängengeblieben” waren, morgens um 6 Uhr auf dem Heimweg auf den Pritschenwagen des schon so früh arbeitenden Haaler Kohlenhändlers Peter Klever aufgesprungen waren, um schneller zu Hause zu sein. Die schwarzen Hosen kann sich jeder vorstellen. Die Haaler Mütter waren aber auch damals schon jungenspielbegeistert.So wurden die Hosen gewaschen und dann solange gebügelt, bis sie trocken waren. Um 10 Uhr beim Hochamt waren alle Pritschenjungen piekfein wieder dabei.

Vor dem Krieg waren auch nicht alle Spielaktivitäten bei Schaffrath (der heutigen Gaststätte Schürmann), sondern auch bei der Gaststätte Graf , die in etwa gegenüber der Einmündung der Bert-Brecht Straße gelegen, auf der ersten Etage einen großen Saal hatte. Einmal war das Haaler Spiel auch unmittelbar vor dem Krieg (1938?) Königsspiel mit dem Schützenkönig H. Besgens, und aus diesem Anlaß stand erstmals ein Zelt hinter der Gaststätte Graf. Nicht ganz sicher ist sich Peter Schümmer, ob es nicht einmal sogar zwei Spiele in Haal gegeben hat, Eins bei Graf und Eins bei Schaffrath.

Nach dem Krieg fehlte es erstmal an Allem. Schon 1947 und ’48 hatte es Maibälle gegeben. Auf einem ’48 noch vor Schaffrath stehendem Schützenwagen wurde dann von Albert Juchems und seinen Freunden die Idee geboren: in ’49 machen wir wieder ein richtiges Spiel in Haal. Nichts war vorhanden, keine Schärpen, keine Pritschen, keine Strohhüte. Mit viel Engagement und viel Handarbeit wurde jedoch alles geschafft, und mit 16 Pärchen war es in dem Jahr eines der größten und schönsten Spiele in Würselen. Die blau-weiße Fahne, die heute noch dem Jungenspiel vorausgeht, wurde 1949 von Gerda Grümmer, einer Haaler Bürgerin, fürs Jungenspiel gestickt.

Etwas anders als heute verlief ’49 wie auch ’51 das Maisingen. Nachdem die Paare ausgerufen waren, marschierte man das Haaler Heidchen runter bis nach Strangenhäuschen. Dort wurde das Wirtsehepaar ausgerufen, und es gab als Belohnung eine Flasche Schnaps. Von da aus ging es dann über die “Zwei Langen” Richtung Beerensberg (in Kohlscheid), wo man dann pünktlich zur 6 Uhr Frühmesse in der Beerensberger Kirche war – leicht lädierte Maijungen durften auch in die Kneipe von Lennartz. Begleiter der Jungs über die ganze Strecke war Josef Kahlen mit seinem Akkordeon. Albert Juchems erinnert sich, daß in ’49 Josef Kahlen nach seinen Anstrengungen in der Kirche eingeschlafen war, auf sein Akkordeon rutschte, welches daraufhin einen für morgendliche Kirchenbesucher völlig ungeeigneten lauten Ton von sich gab, und die Kirchgänger von der Andacht zum Lachen wechseln ließ. Von Beerensberg ging es dann über Scherberg und Schweilbach nach Hause, wo es dann um 10 Uhr bei Schaffrath Speck und Ei gab.

Das Spiel selbst ging von samstags bis dienstags. Samstags war eigentlich Herrenabend, obwohl die Mädchen sich im Laufe des Abends auch bei Schaffrath einfanden. Offiziell kamen die Mädchen sonntags nach dem Hochamt dazu. Sonntagnachmittags marschierte das Spiel dann kreuz und quer durch Würselen, um Gäste nach Haal zu locken. Voran fuhr mit dem Fahrrad und dem Schild “Haaler Jungenspiel” der heutige Gartenmeister Josef Ritzen, damals noch klein und schlank. Dabei begegneten sich die Jungenspiele aus den verschiedenen Stadtteilen zufällig. Die Würselener Bevölkerung versuchte dabei beim Spaziergang durch die Stadt möglichst viele Jungenspiele zu sehen.

Die Veranstaltungen des Spiels bei Schaffrath waren sowohl 1949 als auch 1951 sehr gut besucht. Der damals sehr viel kleinere Saal konnte die Gäste nicht alle aufnehmen. Besucher, die nicht mehr reinkamen, beschwerten sich aber nicht, sondern gaben sogar noch etwas in die freiwillige Gabe fürs Spiel und gingen dann in eine andere Gaststätte. (Auch das wäre vielleicht heute anders). Neben der freiwilligen Gabe am Eingang gab es auch noch die Polonaise als Einnahmequelle fürs Spiel. Die Polonaise führte an einem Teller vorbei, auf den jeder, der mitmachte, einen kleinen Obolus warf.

Von einem besonderen Ereignis berichtet Arnold Milcher aus dem Jahre 1951. Mit dem Haaler Jungenspiel ging am Sonntagnachmittag auch immer eine Gruppe von Reitern mit ihren Pferden. Einer dieser Reiter war der Degentesch Pittje mit seinem kleinen Pferd. Nachdem man schon recht viel gefeiert hatte, man hatte das Scherberger Spiel besucht, kam Pit Degentesch mit seinem Pferd durch den, wie auch heute noch engen Eingang bei Schaffrath, und ließ sein Pferd aus dem Wasserbottich der Theke trinken. Dabei gefiel es dem Pferd so gut, daß alle Beteiligten hinterher große Mühe hatten, das Pferd wieder aus dem Lokal zu entfernen.

Die Begeisterung der Haaler für ihr Spiel zeigte sich auch darin, daß 49 wie 51 etwas Geld für ein Nachspiel übrig blieb. 1949 reichte es sogar für zwei Busse, die die Maijungen mit ihren Gästen zu einer Rheintour fuhren.

1953 ging dann das letzte “alte” Spiel. Die Begeisterung der Haaler für ihr Spiel hat sich aber auf die folgenden Generationen, wie wir heute wissen, übertragen.